Haus am Fischteich

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24/02/2026
23/01/2026

Als mein 82-jähriger Vater Rolf im vollen Warteraum den Karabiner umhängte und unserem 80-Kilo-Koloss mehr Spiel gab, blieb mir die Luft weg. Ich sah uns schon rausfliegen, angebrüllt werden, irgendwas unterschreiben müssen – das ganze Programm.

Es war Freitag, kurz nach acht, in so einer freien Werkstatt am Stadtrand, wo es immer nach altem Kaffee, Gummi und dieser leisen Grundpanik riecht, die entsteht, wenn man ahnt, dass „nur kurz“ am Ende doch wieder teuer wird.

Der Warteraum war brechend voll. Plastikstühle, ein Automat, der Kaffee ausspuckt wie lauwarme Entschuldigungen, und an der Wand ein Fernseher ohne Ton.

Die Stimmung war wie ein Druckkochtopf.

Eine junge Mutter schaukelte ein quengelndes Kleinkind auf dem Knie und flüsterte verzweifelt „Schatz, bitte, bitte…“. Ein Mann im Arbeitsanzug lief im Kreis und fuchtelte mit dem Handy, als könnte er die Realität wegwedeln.

Und da war eine ältere Frau, die ihre Handtasche so fest umklammert hielt, als wäre sie das Einzige, was sie noch zusammenhält. Sie starrte auf den Boden, mit diesem glasigen Blick, der nicht nach „müde“ aussieht, sondern nach „zu viel“.

Dann kam mein Vater rein. Mit Balduin.

Du musst dir Balduin vorstellen: kein Labrador, kein freundlicher Familienhund in Normalgröße. Balduin ist ein Leonberger – so ein Hund, bei dem Leute automatisch stehen bleiben, weil das Gehirn kurz nicht einordnet, ob das jetzt Tier oder Möbelstück ist.

Schwarze Maske im Gesicht, goldenes Fell wie eine Mähne, Pfoten wie Suppenteller. Und dabei dieser Blick, als hätte er gerade eine sehr geduldige Therapieausbildung abgeschlossen und würde dich nicht verurteilen, egal was du ihm erzählst.

„Papa“, zischte ich und spürte, wie mir heiß wurde. „Bitte. Nicht… mach das nicht.“

Er tat so, als hätte ich nichts gesagt. Schlurfte zur einzigen freien Ecke, setzte sich auf einen Plastikstuhl, zog seine Zeitung aus der Jacke und klappte sie auf, als wäre er allein im Wohnzimmer.

„Er ist ruhig“, brummte er, ohne aufzusehen.

Ich sah, wie die Blicke im Raum zu Balduin schossen. Das Handygespräch verstummte mitten im Satz. Das Kleinkind hielt plötzlich inne, als hätte jemand auf Pause gedrückt. Sogar die Kaffeemaschine klang auf einmal lauter, weil niemand mehr redete.

Balduin stand da. Nicht angespannt, nicht aufgeregt. Einfach… da. Er hob den Kopf, ließ den Blick langsam über die Menschen wandern, als würde er zählen, wer heute am Rand steht.

Dann atmete er tief ein. So tief, dass man es hörte. Als würde er nicht nur Gerüche aufnehmen, sondern alles, was an den Leuten klebte: Stress, Ärger, Angst, diese stumme Scham, wenn man merkt, dass man gerade nicht weiß, wie es weitergeht.

Und dann machte er, was Balduin immer macht.

Er ging direkt zu der älteren Frau mit dem glasigen Blick.

Ich wollte aufspringen. Reflex. „Oh nein, jetzt…“ Mein Vater streckte unter der Zeitung kurz das Bein aus und tippte mir gegen das Schienbein. Nicht grob. Nur dieses klare Zeichen: Sitz.

Balduin sprang nicht. Er machte auch nicht dieses aufdringliche „Hallo, ich bin ein Hund“-Programm. Er tat etwas, das bei Leonbergern aussieht wie eine eigene Kunstform.

Er lehnte sich.

Er ging ganz nah an ihre Knie, drehte sich langsam und ließ sein ganzes Gewicht gegen ihre Beine sinken. Nicht rücksichtslos, eher wie ein schwerer, warmer Mantel, der plötzlich da ist. Dann setzte er sich auf ihre Füße, als würde er sagen: Du gehst jetzt gerade nirgends hin. Du darfst hier bleiben. Ich halte das.

Die Frau zuckte erst zusammen. Man sah richtig, wie ihr Körper für eine Sekunde „Gefahr“ meldete. Dann – ganz langsam – hob sie die Hand. Ihre Finger versanken im dichten Fell, und ihre Schultern sanken so sichtbar ab, als hätte jemand eine Schraube gelöst.

„Ich wollte eigentlich nur einen Ölwechsel“, flüsterte sie, mehr zu sich als zu uns. „Und jetzt sagen die, das Getriebe… das Getriebe ist hin. Ich… ich weiß nicht, wie ich das bezahlen soll.“

Balduin machte nichts Besonderes. Er gab keinen schlauen Blick, kein „alles wird gut“. Er drückte nur ein bisschen mehr. Atmete ruhig. Warm. Schwer. Da.

Die Frau wischte sich schnell über die Wange, als hätte sie sich dabei ertappt. Und dann – tatsächlich – lächelte sie. Ein kleines, unsicheres Lächeln, aber es war da.

Balduin stand irgendwann auf, schüttelte sich einmal, als müsste er die ganze Schwere abschütteln, und trottete weiter.

Zum Mann im Arbeitsanzug.

Der hielt sein Handy immer noch in der Hand, die Finger weiß vor Druck. Man konnte sehen, dass er kurz davor war, zu explodieren, nicht aus Bosheit, sondern weil ihm innerlich alles überläuft.

Balduin stupste seine Hand mit der Nase an. Kalt, feucht, hartnäckig.

Der Mann fuhr herum, bereit für einen Wutanfall. Dann sah er dieses riesige Gesicht, diese dunklen Augen, dieses leicht verwirrte Teddy-Bär-Gesicht und sein Ärger bekam plötzlich keinen Halt mehr.

„Was ist das denn?“, fragte er und klang eher staunend als wütend. „Ein Bär?“

Mein Vater sagte hinter seiner Zeitung, ohne aufzusehen: „Leonberger. Aus der Gegend von Leonberg. Der will nur, dass man ihm hinterm Ohr kratzt.“

Der Mann zögerte, als müsste er sich erst erlauben, weich zu werden. Dann hob er die Hand und kratzte Balduin hinter dem Ohr.

Balduin stöhnte so zufrieden, dass ein paar Leute kichern mussten. Ein tiefes, brummiges Geräusch, wie ein altes Sofa, das endlich richtig steht. Sein Hinterbein klopfte gegen den Boden, ganz automatisch.

Der Mann lachte – einmal kurz, überrascht über sich selbst – und legte das Handy weg. Einfach so. Als wäre es plötzlich nicht mehr das Wichtigste.

„Na gut“, murmelte er. „Du bist echt ein Brocken.“

Und dann passierte etwas Seltsames, fast Unauffälliges: Der Raum wurde anders.

Nicht still aus Anspannung, sondern still aus… Einverständnis. Die Leute atmeten wieder. Jemand sagte: „Der ist ja wunderschön.“ Jemand anderes: „Wie alt ist er?“ Die Mutter mit dem Kind fragte vorsichtig: „Darf er…?“ und Balduin legte sich einfach hin, so als hätte er das längst entschieden.

Das Kleinkind – eben noch ein kleiner Sirenenalarm – kauerte neben ihm und strich ihm über den Bauch, ganz vorsichtig, als wäre Balduin ein riesiges Stofftier, das atmet.

„Haart der?“, fragte eine Frau und verzog das Gesicht, als hätte sie die Antwort schon geahnt.

„Mehr als ich“, sagte mein Vater trocken, immer noch hinter seiner Zeitung.

Gelächter. Ein paar echte, leichte Sekunden, die man in solchen Räumen selten hört.

Die ältere Frau erzählte dem Mann im Arbeitsanzug auf einmal von ihren Enkeln, als bräuchte sie eine Brücke, um wieder in ein normales Leben zurückzufinden. Der Mann nickte, als hätte er das schon lange nicht mehr getan: einfach zuhören, ohne zu kämpfen.

Balduin wanderte zwischendurch noch zu anderen. Mal nur kurz die Nase an ein Knie, mal ein ruhiges Sitzen neben einem Stuhl. Wie ein großer, stiller Mitarbeiter, der genau weiß, wo’s klemmt.

Als schließlich der Werkstattmeister in die Tür kam und rief: „Herr Rolf, Ihr Wagen ist fertig“, war Balduin auf dem Rücken gelandet, alle vier Pfoten in der Luft, und das Kleinkind gluckste, weil es jetzt offiziell die Aufgabe hatte, „den Bauch zu streicheln“.

Draußen auf dem Parkplatz blieb ich kurz stehen, weil ich erst mal schlucken musste.

„Papa“, sagte ich, als wir zum Auto gingen. „Du wusstest genau, dass die Leute… dass die das brauchen.“

Mein Vater stieg ein, zog den Gurt über die Schulter und legte die Zeitung auf das Armaturenbrett, als wäre das alles das Normalste der Welt.

„Ich hab’s nicht für die gemacht“, brummte er.

Ich starrte ihn an. „Wie bitte?“

Er drehte den Schlüssel, der Motor sprang an. Dann sah er kurz zu Balduin, der sich auf den Rücksitz quetschte, als wäre er ein kleiner Hund und nicht ein halber Kleiderschrank.

„Ich wollte den Sportteil in Ruhe lesen“, sagte mein Vater. „Wenn ich in so einen Raum komme und alle sind auf 180, dann geht mein Blutdruck hoch. Balduin ist ein Schwamm. Der saugt das alles auf. Dann kann ich sitzen.“

Ich musste lachen, ehrlich. „Das ist das Selbstsüchtigste, was ich je gehört hab.“

Mein Vater sah mich an. Seine Augen waren klar, wach, und für einen Moment ganz weich. Er legte die Hand auf Balduins Kopf, der sich zwischen den Sitzen nach vorne schob, schwer und vertraut.

„Es ist nicht nur das“, sagte er leise. „Schau… wir leben in einer Zeit, in der jeder Angst hat, dass der andere was will. Wenn ich der Frau da drin die Hand auf die Schulter gelegt hätte, hätte sie sich erschreckt. Vielleicht hätte sie gedacht, ich dräng mich auf. Wenn ich dem Kerl gesagt hätte, er soll sich beruhigen, hätte er mich angefaucht. Oder schlimmer.“

Er strich Balduin übers Kinn, und Balduin schloss die Augen, als wäre das der Lohn für seine Arbeit.

„Wir haben verlernt, uns zu berühren, ohne dass es gleich komisch wird“, sagte mein Vater. „Wir bauen Mauern, weil wir uns schützen wollen. Und irgendwann sind die Mauern so hoch, dass keine Hand mehr drüberkommt. Aber ein Hund…“

Er lächelte. Ein seltenes, echtes Lächeln, das ihn auf einmal jünger machte.

„Ein Hund hat keinen Hintergedanken“, sagte er. „Der fragt nicht, was du darstellst. Der sieht nur: Da tut was weh. Und dann bietet er sich an.“

Er schaltete in den Gang. „Ich bin nur der Fahrer“, murmelte er. „Der da ist der Diplomat.“

Während wir losfuhren, hörte ich Balduin schon schnarchen. Laut, zufrieden, komplett erledigt, als hätte er tatsächlich das Gewicht von zehn fremden Herzen für eine Stunde getragen und jetzt endlich ablegen dürfen.

Und ich dachte: Vielleicht war es ein bisschen eigennützig. Vielleicht war es einfach nur praktisch. Aber in einer Welt, die so viel redet und so wenig wirklich zuhört, ist ein stiller Freund, der einfach da ist, manchmal das Mutigste, was man mitbringen kann.

Manchmal braucht es etwas, das nicht menschlich ist, um uns wieder menschlich zu machen.

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