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ALS DEUTSCHLAND SCHON EINMAL POLITISCH ZERFIEL44 Prozent für die AfD in Sachsen-Anhalt.Die üblichen Reflexe sind schon a...
07/09/2026

ALS DEUTSCHLAND SCHON EINMAL POLITISCH ZERFIEL

44 Prozent für die AfD in Sachsen-Anhalt.

Die üblichen Reflexe sind schon abrufbar: Rechtsruck, Protestwahl, Gefahr für die Demokratie. Man kann sich empören, man kann sich freuen. Mich interessiert etwas anderes: Was passiert mit einer Demokratie, wenn immer mehr Menschen das Gefühl haben, die Politik spiegele ihre Wirklichkeit nicht mehr?

Ein Blick zurück hilft.

1928 war die NSDAP eine Splitterpartei. 2,6 Prozent. Dann kam die Weltwirtschaftskrise, mit ihr Arbeitslosigkeit, Abstiegsangst und Vertrauensverlust in die etablierten Parteien. 1930 holte die NSDAP 18,3 Prozent, im Juli 1932 schon 37,3 Prozent.

Aber, und das wird gern vergessen: Bei der nächsten Wahl im November 1932 verlor sie wieder zwei Millionen Stimmen. Der Aufstieg war keine Einbahnstraße.

Was die Republik am Ende zu Fall brachte, war nicht ein einzelnes Wahlergebnis, sondern Jahre der politischen Aushöhlung davor: Regierungen ohne echte Mehrheit, Notverordnungen statt Parlamentsbeschlüssen, eine Gesellschaft in unversöhnlichen L***rn.

Und dann kam der Schritt, der alles veränderte: Hi**er wurde nicht gewählt. Er wurde am 30. Januar 1933 von Reichspräsident Hindenburg zum Kanzler ernannt.

Das ist der Unterschied, den man nicht vergessen sollte.

Deutschland 2026 ist nicht Deutschland 1932. Aber eine Beobachtung bleibt: Demokratien zerbrechen selten an einem Wahlergebnis. Sie werden schwach, wenn ihnen zu viele Menschen zu lange das Vertrauen entziehen.

Und für Sachsen-Anhalt gehört noch eine zweite Geschichte dazu.

1990 glaubten viele Ostdeutsche, jetzt beginne ein neues Leben.

Stattdessen kam einer der größten wirtschaftlichen Umbrüche der Nachkriegszeit. Das ostdeutsche BIP brach 1990 um 17,3 Prozent ein, 1991 nochmals um 34,8 Prozent.

Von 9,75 Millionen Erwerbstätigen war zwei Jahre später weniger als die Hälfte noch regulär beschäftigt.

Das ist 28 Jahre her. Eine ganze Generation ist damit aufgewachsen.

Sachsen-Anhalt ist deshalb mehr als eine Schlagzeile. Es ist ein Warnsignal – nicht weil 44 Prozent automatisch 1933 bedeuten, sondern weil man fragen muss, warum so viele einer Partei ihre Stimme geben, die fast alle anderen bekämpfen.

Wer nur beschimpft, macht es sich zu einfach. Wer es verklärt auch.

Was passiert mit einem Staat, wenn seine Bürger nicht mehr glauben, dass er ihre Zukunft verkörpert?

06/09/2026

Nemmersdorf, 21. Oktober 1944: Das Dorf, das zum Beweis einer Drohung wurde.

Fünf Jahre liegen zwischen dem Feldzug gegen Polen und dem Herbst 1944 – fünf Jahre, in denen sich etwas im Land verschoben hat. 1939 war die Stimmung nüchtern, fast angespannt, kaum vergleichbar mit dem Taumel von 1914. Doch mit den schnellen Siegen der ersten Kriegsjahre wuchs ein trügerisches Selbstbewusstsein, eine Ahnung von Unbesiegbarkeit. Fünf Jahre später ist davon nichts mehr übrig. Aus der Zuversicht ist nackte Angst geworden, und aus der Angst, je näher die Front rückt, echte Todesangst.

Der Historiker Götz Aly beschreibt in seinem jüngsten Werk, wie das Regime genau diese Angst bewusst am Leben hielt, als der Glaube an den Sieg schwand: die Furcht vor dem, was nach einer Niederlage folgen würde. Aus der Volksgemeinschaft wurde so, in seinen Worten, eine Verbrechensgemeinschaft gebunden nicht mehr durch Hoffnung, sondern durch die Angst vor der eigenen Schuld und ihrer Vergeltung.

In Ostpreußen bekam dieser Satz eine ganz konkrete Gestalt: Man sagte den Menschen, im Falle einer Niederlage sei die Heimat verloren unwiederbringlich, für immer. Kein Rückzugsort, kein Danach.

Als die Rote Armee am 21. Oktober 1944 erstmals deutschen Boden erreichte und für wenige Stunden das Dorf Nemmersdorf besetzte, traf dieser Satz auf sein erstes Beweisstück. Die zurückkehrende Wehrmacht fand tote Zivilisten vor, Frauen, Kinder, alte Menschen – die Zahlen schwanken je nach Quelle zwischen 19 und 30 Opfern.

Goebbels erkannte die Wirkung sofort. Innerhalb weniger Tage kursierten Fotografien und Berichte, sorgfältig inszeniert, um aus der abstrakten Drohung "Ostpreußen ist verloren" ein greifbares Bild zu machen eines, das die längst kriegsmüde Bevölkerung noch einmal zum Widerstand treiben sollte.

Was in jenen Stunden tatsächlich geschah, lässt sich bis heute nicht vollständig rekonstruieren. Historiker wie Ian Kershaw beschreiben, wie sich glaubwürdige Zeugenaussagen und gezielte Propaganda so sehr vermischt haben, dass beides kaum noch zu trennen ist.

Die Forschung ordnet die Ereignisse heute als Kriegsverbrechen sowjetischer Soldaten ein und zugleich als das wirkmächtigste Symbol einer Angstmaschinerie, die längst vor Nemmersdorf begonnen hatte und die Menschen noch in die letzten, aussichtslosen Monate eines Krieges trieb, den sie selbst nicht mehr gewinnen konnten.

Ein Dorf, das zum Beweis einer Drohung wurde – ausgesprochen von einem Regime, das genau wusste, was es damit anrichtete.

Was denkt ihr: Wie viel von dem, was wir über Nemmersdorf zu wissen glauben, ist Fakt – und wie viel ist bis heute Propaganda, die einfach nur überlebt hat? Schreibt es in die Kommentare.

3. September 1939. Polen. Seit zwei Tagen ist Krieg.Wer heute durch Polen fährt und vor alten Kasernen, Bunkern oder übe...
05/09/2026

3. September 1939. Polen. Seit zwei Tagen ist Krieg.

Wer heute durch Polen fährt und vor alten Kasernen, Bunkern oder überwucherten Stellungen steht, sieht Beton und Verfall. Damals waren es Orte voller Menschen, Befehle, Verwundete, Fahrzeuge und Angst.

Im Westen rollt die Wehrmacht weiter vor.

Die polnischen Grenzarmeen sind bereits schwer angeschlagen. Bei Częstochowa bricht die Verteidigung zusammen, deutsche Verbände stoßen über die Warta, weiter nach Osten. Die polnischen Einheiten ziehen sich zurück, vielerorts unter ständigem Druck aus der Luft.

Das Problem wird immer deutlicher: Die Polen verlieren nicht nur Gelände. Sie verlieren den Überblick.

Meldungen erreichen die Stäbe zu spät. Einheiten müssen Stellungen räumen, während andere noch glauben, sie halten diese. Straßen sind verstopft, Bahnverbindungen unterbrochen, Flüchtlinge mischen sich mit zurückgehenden Soldaten.

Und dann kommt die Nachricht aus London.

Großbritannien hat Deutschland den Krieg erklärt. Frankreich folgt.

In Warschau verwandelt sich die Angst für einen Moment in Jubel. Menschen laufen zu den Botschaften. Fahnen werden geschwenkt. Der britische Botschafter tritt vor die Menge.

Für diese Menschen ist es die Nachricht, auf die sie gewartet haben.

Polen steht jetzt nicht mehr allein.

Doch an der Front hält niemand an.

Die deutschen Verbände fahren weiter.

Das ist die bittere Wahrheit dieses Tages: Der politische Kriegseintritt der Westmächte und der militärische Kampf um Polen sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Frankreich wird erst am 7. September begrenzt ins Saarland vorstoßen. Für die polnischen Divisionen, die in diesen Tagen zurückweichen, bedeutet das keine Rettung.

Und dann Bydgoszcz.

Schüsse innerhalb der Stadt. Angehörige der deutschen Minderheit geraten unter Verdacht, mit den Deutschen zusammenzuarbeiten. Es kommt zu Kämpfen und polnischen Vergeltungsaktionen. Deutsche Zivilisten werden getötet.

Die Ereignisse werden später von beiden Seiten völlig unterschiedlich dargestellt.

Die Nationalsozialisten machen daraus den „Blutsonntag“, vervielfachen die Opferzahlen und benutzen Bydgoszcz als Rechtfertigung für ihre eigene Gewalt.

Danach folgen Erschießungen und Terror.

Heute wächst dort Gras.

Damals wurden Menschen in den Wald geführt.

Der 3. September ist deshalb für mich einer dieser Tage, an denen Geschichte besonders schwer zu ertragen ist.

In Warschau feiern Menschen ihre Verbündeten.

An der Front zieht sich ihre Armee zurück.

Und irgendwo dazwischen läuft eine Uhr, die niemand aufhalten kann.

Dreizehn Tage später überschreitet die Rote Armee die polnische Grenze.

Am 3. September weiß das noch niemand.

Die Menschen glauben noch an Hilfe.

Und genau deshalb wirkt dieser Tag heute so düster.

05/09/2026

TRAWNIKI – WIE DIE SS IHRE HELFER FÜR DEN VERNICHTUNGSKRIEG REKRUTIERTE

Trawniki.

Heute ein unscheinbarer Ort südöstlich von Lublin. Straßen, Häuser, Felder. Kaum etwas erinnert daran, was hier einmal geschah.

1941 machte die SS aus dem Gelände einer ehemaligen Zuckerfabrik zunächst ein L***r für sowjetische Gefangene. Danach entstand hier ein Ausbildungszentrum für Hilfskräfte der deutschen Besatzungsmacht.

Etwa 5.000 Männer wurden hier ausgebildet.

Sie wurden nicht für einen normalen Krieg gebraucht.

Sie wurden gebraucht für Ghettoräumungen, Deportationen, L***rbewachungen und Massenerschießungen.

Die Trawniki-Männer kamen später nach Belzec, Sobibor, Treblinka und Majdanek. Sie bewachten Gefangene, trieben Menschen zusammen und unterstützten die SS bei der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Auch bei der Niederschlagung des Warschauer Ghettoaufstands waren sie eingesetzt.

Natürlich gab es unter ihnen Männer, die unter Zwang oder unter massivem Druck in dieses System gerieten.

Aber genau hier wird es unbequem.

Denn Zwang erklärt nicht automatisch alles.

Wer später einen Menschen bewacht, der fliehen will. Wer Deportierte zusammentreibt. Wer auf Befehl schießt. Wer sich an der Verfolgung beteiligt – der ist irgendwann nicht mehr nur Zuschauer dieses Systems.

Dann kommt die eigene Verantwortung ins Spiel.

Am 3. November 1943 wurden in Trawniki und Dorohucza mindestens 6.000 jüdische Gefangene erschossen. Teil der „Aktion Erntefest“, bei der deutsche Einheiten innerhalb weniger Tage etwa 42.000 Juden ermordeten.

Danach wurden die Spuren beseitigt.

Die SS ließ jüdische Zwangsarbeiter die Leichen verbrennen. Anschließend wurden auch diese Menschen ermordet.

Trawniki war deshalb mehr als ein L***r.

Es war ein Ort, an dem Menschen für die praktische Durchführung des Vernichtungskrieges eingesetzt und ausgebildet wurden.

Und genau deshalb interessiert mich die Frage nach den Trawniki-Männern.

Ab wann wird aus Gehorsam Schuld?

Wenn jemand gezwungen wird, ist das eine Sache.

Aber was ist mit dem Moment, in dem er selbst entscheidet, weiterzumachen?

Kann man sich für alles auf einen Befehl berufen – auch wenn man selbst weiß, was man tut?

Auschwitz. Eine Dunkelkammer. Und ein Ofen.Heute bin ich über eine Geschichte gestolpert, die ich ziemlich bemerkenswert...
04/09/2026

Auschwitz. Eine Dunkelkammer. Und ein Ofen.

Heute bin ich über eine Geschichte gestolpert, die ich ziemlich bemerkenswert finde.

Wilhelm Brasse war Fotograf und kam 1940 als polnischer Häftling nach Auschwitz. Später wurde er dem Erkennungsdienst des L***rs zugeteilt. Dort musste er die Häftlinge fotografieren: Frontal, Profil und mit Kopfbedeckung.

Auch die Folgen der medizinischen Experimente der SS wurden fotografisch dokumentiert. Unter anderem arbeitete Brasse mit Aufnahmen zusammen, die mit den Experimenten Josef Mengeles verbunden waren.

Im Januar 1945 wurde Auschwitz geräumt. Die SS wollte vorher möglichst viele Spuren beseitigen. Dazu gehörte auch das Fotoarchiv.

Brasse und Bronisław Jureczek bekamen den Auftrag, die Bilder zu vernichten.

Sie legten Fotomaterial und Negative in einen Ofen und mischten feuchtes Fotopapier darunter. Das Papier verstopfte den Abzug. Das Feuer ging aus.

Danach verteilten sie weiteres Material im Labor und verschlossen den Raum.

Der Plan der SS ging damit zumindest teilweise schief.

38.916 Registrierungsfotografien blieben erhalten.

31.969 Männer und 6.947 Frauen.

Diese Bilder gehören heute zum Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau.

Für mich ist dabei vor allem die Geschichte von Brasse interessant.

Nach dem Krieg wollte er wieder als Fotograf arbeiten. Er konnte es nicht. Die Arbeit in Auschwitz hatte bei ihm so tiefe Spuren hinterlassen, dass er die Kamera schließlich weglegte.

Er fotografierte nie wieder.

Eigentlich eine ziemlich brutales Schicksal: Sein wichtigstes fotografisches Werk entstand unter Zwang – und genau diese Arbeit sorgte später dafür, dass er seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte.

Heute hängen diese Bilder im Auschwitz-Birkenau-Museum.

Man schaut in diese Gesichter und begreift etwas Unangenehmes:

Die Opfer sind nicht verschwunden.

Ihre Mörder wollten aus ihnen Nummern machen.

Heute schauen sie uns an.

Und plötzlich sind wir diejenigen, die sich nicht mehr wegdrehen können.

Was bleibt von einem Menschen, wenn man ihm alles nimmt – sogar seinen Namen?

Vielleicht genau das:

Ein Gesicht.

Ein Foto.

Und jemanden, der sich weigert, diese verbrennen zu lassen.

04/09/2026

SILO – WAS BEDEUTET ÜBERLEBEN nach dem Atomkrieg? ☢️

60 Meter unter der Erde.

Heute stehe ich im sowjetischen Objekt 1180 bei Olișcani in Moldawien. Beton, Stahl, Schächte und endlose Ebenen verschwinden vor mir in der Dunkelheit.

Dieser Ort wurde für einen Moment gebaut, in dem die Welt oben vielleicht innerhalb weniger Minuten aufgehört hätte zu existieren.

Ein Atomkrieg.

Die militärische Führung sollte hier unten weitermachen können, während draußen Städte brennen und der Fallout über die Landschaft zieht.

Ich gehe durch diese Räume und stelle mir eine unangenehme Frage:

Was wäre, wenn ich hier unten aufwachen würde – und draußen wäre alles vorbei?

Am Anfang wäre es wahrscheinlich sogar beruhigend.

Die Türen sind geschlossen. Die Luft wird gefiltert. Vorräte sind vorhanden. Die Technik läuft.

Du hast überlebt.

Aber was bedeutet dieses Wort eigentlich?

Du atmest. Du isst. Du schläfst.

Du funktionierst.

Doch irgendwann gibt es vielleicht keinen Ort mehr, an den du zurückkehren kannst.

Deine Heimat existiert nur noch in Erinnerungen.

Deine Kinder kennen Bäume, Himmel und Regen aus Erzählungen.

Und irgendwann stellt jemand die gefährlichste Frage überhaupt:

Was, wenn wir gar nicht mehr gerettet werden müssen?

Genau dort beginnt für mich die Verbindung zur Filmserie „Silo“.

Eine Gesellschaft lebt unter der Erde, überzeugt davon, dass die Oberfläche tödlich ist. Sicherheit bestimmt das Leben. Wissen wird kontrolliert. Die Vergangenheit wird zur Gefahr.

Vielleicht ist das die eigentliche Horrorvorstellung.

Nicht der Atomkrieg.

Sondern eine Menschheit, die ihn überlebt und irgendwann vergessen hat, warum sie überhaupt noch lebt.

Ich stehe hier in diesem Beton und denke:

Vielleicht ist ein Bunker der perfekte Ort, um einen Krieg zu überleben.

Aber der schlechteste Ort, um Mensch zu bleiben.

Würdest du die Tür öffnen, wenn du wüsstest, dass draußen der Fallout wartet?

Oder würdest du dich lieber sicher fühlen – selbst wenn Sicherheit bedeutet, den Rest deines Lebens in einem Silo zu verbringen?

Die Ukraine gab ihre Atomwaffen ab. Heute kämpft sie um ihr Überleben. War Budapest ein historischer Fehler?1991 zerfiel...
03/09/2026

Die Ukraine gab ihre Atomwaffen ab. Heute kämpft sie um ihr Überleben. War Budapest ein historischer Fehler?

1991 zerfiel die Sowjetunion.

Auf ukrainischem Boden standen plötzlich rund 1.900 strategische Nuklearsprengköpfe – dazu Interkontinentalraketen, Bomber und weitere nukleare Systeme. Damit lag in der Ukraine das drittgrößte strategische Atomwaffenarsenal der Welt.

Doch die Sache war kompliziert. Die Waffen standen in Ukraine, die entscheidende nukleare Kommandostruktur blieb mit Moskau verbunden. Einen einfachen ukrainischen „roten Knopf“ gab es nicht.

Trotzdem stand der junge Staat vor einer historischen Entscheidung:

Atomwaffen behalten – und international isoliert werden?
Oder abrüsten – und auf internationale Zusagen vertrauen?

1994 fiel die Entscheidung.

Im Budapest Memorandum verpflichtete sich Ukraine, ihre Atomwaffen abzugeben und dem Atomwaffensperrvertrag als Nicht-Atomwaffenstaat beizutreten.

Russland, die USA und Großbritannien verpflichteten sich im Gegenzug, die Souveränität, Unabhängigkeit und bestehenden Grenzen der Ukraine zu respektieren und auf die Androhung oder Anwendung von Gewalt zu verzichten.

Klingt nach Sicherheit.

War es eine?

Nein – zumindest nicht im Sinne eines echten Verteidigungsbündnisses.

Das Memorandum war keine NATO-Garantie. Washington und London versprachen nicht, im Falle eines Angriffs amerikanische oder britische Soldaten zu schicken.

Bis 1996 waren die strategischen Atomwaffen aus Ukraine verschwunden.

Dann kam 2014 die Annexion der Krim.

2022 folgte die großangelegte russische Invasion.

Und damit bekam ein Dokument von 1994 eine Bedeutung, die damals kaum jemand vorhersehen konnte.

Denn heute kämpft die Ukraine nicht nur um Städte, Gebiete und Grenzen.

Sie kämpft auch mit einer Frage, die weit über diesen Krieg hinausgeht:

Was sind internationale Sicherheitszusagen wert, wenn der Staat, der sie unterschrieben hat, sie später selbst bricht?

Und genau hier wird die Geschichte politisch.

Denn wer heute von der Ukraine verlangt, sich mit irgendwelchen neuen Sicherheitsversprechen zufriedenzugeben, muss erklären, warum diese Zusagen diesmal glaubwürdiger sein sollen als Budapest.

Unterschriften auf Papier haben ihre Grenze dort, wo jemand bereit ist, sie mit Gewalt zu brechen.

Vielleicht ist das die bitterste Lehre aus Budapest:

Die Ukraine gab ihre nukleare Abschreckung auf.
Russland unterschrieb, ihre Grenzen zu respektieren.
Und heute wird in Europa wieder Krieg geführt.

Doch der Konflikt um Ukraine und Russland ist älter als 1991.

Der kulturelle Einfluss verlief nie nur von Moskau nach Kyiv. Ukrainische Gelehrte und Geistliche prägten Bildung, Theologie und Literatur im frühen Russland. Der ukrainische Barock beeinflusste die Kultur des Russischen Reiches. Kosakentraditionen wurden später Teil russischer imperialer Erzählungen.

Gleichzeitig wurde ukrainische Eigenständigkeit immer stärker zurückgedrängt.

1863 das Valuev-Zirkular.
1876 der Ems-Ukas.

Ukrainische Veröffentlichungen wurden eingeschränkt, Literatur zensiert und die Sprache aus Teilen des öffentlichen Lebens verdrängt.

Aus Nähe wurde Herrschaft.
Aus gemeinsamer Geschichte wurde ein Kampf um Identität.

Und heute steht Europa wieder vor einer alten Frage:

Reichen Versprechen noch aus – oder braucht Frieden diesmal eine Sicherheitsordnung, die einen neuen großen Krieg tatsächlich verhindern kann?

Denn eines hat Budapest gezeigt:

Ein Vertrag kann Sicherheit versprechen. Abschreckung muss sie glaubwürdig machen.

02/09/2026

DER UNABHÄNGIGKEITSTAG EINES LANDES, DAS ES OFFIZIELL NICHT GIBT

Heute, am 2. September, bin ich in Tiraspol. Die Stadt feiert.

Fahnen an den Straßen, Musik, Marktstände, Familien. Früher war dieser Tag vor allem militärisch geprägt. Große Paraden, Soldaten und schweres Gerät. Heute ist daraus viel mehr ein Familienfest geworden.

Aber eine Tradition ist geblieben: die Kranzniederlegung an der Ewigen Flamme.

Hier stehen die Alten. Männer mit Orden, Frauen mit alten Fotos. Für sie ist die Sowjetunion keine Geschichte. Sie haben sie gelebt. Viele verbinden mit dieser Zeit ihre Jugend, ihre Arbeit, ihre Familie. Diese Nostalgie ist hier noch deutlich zu spüren.

Dann sehe ich die Jungen.

Sie kennen die Sowjetunion nur aus Erzählungen. Sie wachsen mit Internet, Instagram, TikTok und einer Welt auf, die weit über den Dnister hinausgeht. Sie reisen, studieren, arbeiten außerhalb und haben längst andere Vorstellungen vom Leben.

Und trotzdem feiern sie heute den 2. September.

Das macht mich neugierig.

Denn was passiert mit Transnistrien, wenn die Generation verschwindet, für die die Sowjetunion noch persönliche Erinnerung ist?

Transnistrien ist abgeschottet, aber keine vollständig geschlossene Gesellschaft. Die Menschen sehen, was außerhalb passiert. Junge Leute vergleichen. Sie wissen, wie das Leben in Moldau, Rumänien oder der EU aussieht.

Gleichzeitig existiert dieser Staat seit mehr als drei Jahrzehnten.

Die Geschichte begann 1990, als Tiraspol die Region von der Moldauischen SSR lossagte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde daraus ein offener Konflikt mit Chișinău. 1992 kam der Krieg. Besonders in Bender wurde gekämpft. Danach der Waffenstillstand.

Seitdem steht Transnistrien zwischen den Welten.

Heute wird gefeiert.

Doch irgendwann werden die Menschen, die sich noch persönlich an die Sowjetzeit erinnern, nicht mehr da sein.

Wenn die Generation der Sowjetnostalgiker irgendwann verschwunden ist – warum sollten die Jungen diesen Staat eigentlich noch bewahren wollen?

Was denkt ihr: Überdauert Transnistrien seine eigene Gründergeneration – oder verschwindet dieser Staat irgendwann mit ihr?

30/08/2026

30. August 1944. Plötzensee. Ein Gefängnishof in Berlin.

Ein General wartet auf seinen letzten Weg.

Carl-Heinrich von Stülpnagel.

Vor wenigen Wochen sah seine Welt noch völlig anders aus.

Paris, 20. Juli 1944.

In den Büros der deutschen Militärverwaltung klingeln die Telefone. Befehle gehen raus.

SS, SD und Gestapo werden festgesetzt.

Rund 1.200 Männer sitzen plötzlich hinter Gittern. Darunter Carl Oberg, einer der mächtigsten SS-Führer im besetzten Frankreich.

Für ein paar Stunden steht die Besatzungsmacht Kopf.

Die Männer, die normalerweise andere abholen lassen, werden selbst abgeholt.

Dann kommt eine Meldung aus Deutschland.

Hi**er lebt.

Damit ist alles vorbei.

Die Gefangenen kommen frei. Die Befehle werden zurückgenommen. Die Macht kehrt zu denen zurück, die sie vorher hatten.

Stülpnagel weiß, was jetzt kommt.

Auf dem Weg nach Deutschland hält er bei Verdun.

Ein Schlachtfeld, das er bereits aus dem Ersten Weltkrieg kennt.

Pistole.

Schuss.

Er überlebt.

Schwer verletzt, fast blind.

Dann Berlin.

Freisler.

Der Volksgerichtshof.

Todesurteil.

30. August 1944.

Plötzensee.

Der General wird erhängt.

Aber bevor man aus dieser Geschichte eine Widerstandslegende macht, lohnt sich der Blick zurück.

1941.

Stülpnagel führt die 17. Armee beim Angriff auf die Sowjetunion.

Kommissarbefehl. Massenerschießungen. Judenverfolgung. Vernichtungskrieg.

Stülpnagel steht auf der Seite der deutschen Kriegsführung.

1942.

Paris.

Militärbefehlshaber.

Geiseln werden erschossen. Die Résistance wird bekämpft. Menschen verschwinden in Gefängnissen und L***rn.

Und zwei Jahre später lässt derselbe General SS und Gestapo verhaften.

Genau hier wird die Geschichte unbequem.

Stülpnagel war Teil dieses Systems.

Später stellte er sich dagegen.

Beides gehört zu seiner Geschichte.

Und vielleicht sollte man einen solchen Ort genau deshalb nicht mit einer einfachen Heldenlegende verlassen.

Denn Plötzensee war am Ende nicht nur der Ort, an dem ein Widerstandskämpfer starb.

Hier endete das Leben eines Mannes, der lange genug an der Seite dieses Regimes gestanden hatte, um selbst Teil seiner Geschichte und seiner Schuld zu werden.

Wie würdet ihr ihn nennen?

Widerstandskämpfer?

Täter?

Oder beides?

Ich bin gespannt auf eure Meinung.

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