07/09/2026
ALS DEUTSCHLAND SCHON EINMAL POLITISCH ZERFIEL
44 Prozent für die AfD in Sachsen-Anhalt.
Die üblichen Reflexe sind schon abrufbar: Rechtsruck, Protestwahl, Gefahr für die Demokratie. Man kann sich empören, man kann sich freuen. Mich interessiert etwas anderes: Was passiert mit einer Demokratie, wenn immer mehr Menschen das Gefühl haben, die Politik spiegele ihre Wirklichkeit nicht mehr?
Ein Blick zurück hilft.
1928 war die NSDAP eine Splitterpartei. 2,6 Prozent. Dann kam die Weltwirtschaftskrise, mit ihr Arbeitslosigkeit, Abstiegsangst und Vertrauensverlust in die etablierten Parteien. 1930 holte die NSDAP 18,3 Prozent, im Juli 1932 schon 37,3 Prozent.
Aber, und das wird gern vergessen: Bei der nächsten Wahl im November 1932 verlor sie wieder zwei Millionen Stimmen. Der Aufstieg war keine Einbahnstraße.
Was die Republik am Ende zu Fall brachte, war nicht ein einzelnes Wahlergebnis, sondern Jahre der politischen Aushöhlung davor: Regierungen ohne echte Mehrheit, Notverordnungen statt Parlamentsbeschlüssen, eine Gesellschaft in unversöhnlichen L***rn.
Und dann kam der Schritt, der alles veränderte: Hi**er wurde nicht gewählt. Er wurde am 30. Januar 1933 von Reichspräsident Hindenburg zum Kanzler ernannt.
Das ist der Unterschied, den man nicht vergessen sollte.
Deutschland 2026 ist nicht Deutschland 1932. Aber eine Beobachtung bleibt: Demokratien zerbrechen selten an einem Wahlergebnis. Sie werden schwach, wenn ihnen zu viele Menschen zu lange das Vertrauen entziehen.
Und für Sachsen-Anhalt gehört noch eine zweite Geschichte dazu.
1990 glaubten viele Ostdeutsche, jetzt beginne ein neues Leben.
Stattdessen kam einer der größten wirtschaftlichen Umbrüche der Nachkriegszeit. Das ostdeutsche BIP brach 1990 um 17,3 Prozent ein, 1991 nochmals um 34,8 Prozent.
Von 9,75 Millionen Erwerbstätigen war zwei Jahre später weniger als die Hälfte noch regulär beschäftigt.
Das ist 28 Jahre her. Eine ganze Generation ist damit aufgewachsen.
Sachsen-Anhalt ist deshalb mehr als eine Schlagzeile. Es ist ein Warnsignal – nicht weil 44 Prozent automatisch 1933 bedeuten, sondern weil man fragen muss, warum so viele einer Partei ihre Stimme geben, die fast alle anderen bekämpfen.
Wer nur beschimpft, macht es sich zu einfach. Wer es verklärt auch.
Was passiert mit einem Staat, wenn seine Bürger nicht mehr glauben, dass er ihre Zukunft verkörpert?