07/09/2026
Wie kommt die Tierärztin im Zoo an ihre Patienten?
Einen Tiger kann man nicht wie eine Hauskatze einfach festhalten, um ihn abzuhören oder ihm Blut abzunehmen, das ist allen klar. Für solche Untersuchungen müssen Raubkatzen in Vollnarkose gelegt werden. Aber ist das eigentlich bei allen Zootieren so?
Die Antwort ist so vielfältig wie die Patienten selbst: Es kommt eben ganz darauf an. Darauf, wie gefährlich der Patient ist – das ist ein Tiger ganz besonders. Darauf, wie bereitwillig er sich mithilfe von Trainingsmethoden an bestimmte Handgriffe gewöhnen kann – das ist eine Stärke der Elefanten. Aber auch darauf, wie stressanfällig das Tier ist, wenn man es festhält – empfindlich sind da zum Beispiel Kängurus.
Und auch die Art und Dauer der geplanten Maßnahme ist entscheidend. Die jährliche Impfung der Tiger, die mit einer kleinen Kanüle unter die Haut gespritzt wird, kann vom vertrauten Tierpflegepersonal am Gitter ohne Stress verabreicht werden. Haben die Löwen mal Parasiten im Darm, können die Entwurmungstabletten im Futter versteckt werden und die Tiere bekommen von der Behandlung gar nichts mit. Sind aber Röntgenbilder, eine Blutentnahme oder körperliche Untersuchungen notwendig, rückt das Veterinärteam mit Blasrohr und Narkosepfeil an und legt die Raubkatze schlafen.
Die Elefanten gehören zu den Tieren, die zwar allein aufgrund ihrer Körpermasse ausgesprochen gefährlich sind, aber auch gelehrig und clever im Training. Das Tierpflegeteam im Zoo Wuppertal hat mit ihnen im Laufe der Jahre eine beachtliche Palette an Verhaltensweisen eingeübt. Für eine Impfung lehnt sich der Elefant seitlich ans Gitter und lässt sich in den Oberschenkel spritzen. Für eine Blutentnahme legt sich der Elefant nahe des Gitters auf den Boden, sodass an einer Ohrvene Blut abgenommen werden kann – hier ist die Haut dieser grauen Riesen nämlich nicht ganz so dick wie am restlichen Körper. Für eine Untersuchung des Nasensekrets lässt der Elefant sogar Kochsalzlösung in seinen Rüssel laufen und prustet sie dann bereitwillig in einen sterilen Beutel. Hier sind also zahlreiche Untersuchungs- und Behandlungsmöglichkeiten gegeben, ohne dass vorab eine Narkose notwendig ist.
Manche Tiere sind zwar scheu, aber wenn man sie nicht allzu sehr bedrängt, lassen sie bestimmte Untersuchungen wach über sich ergehen. Ein erkrankter Nandu wird mit einem Holzbrett als Barriere am Weglaufen gehindert und kann auf diese Weise mit der mobilen Röntgenausrüstung geröntgt werden – ganz ohne Festhalten oder Narkose. Ein Pudu, ein kleiner südamerikanischer Hirsch, kann in einem kleinen Stallabteil eine Injektion ohne Festhalten oder Blasrohr bekommen, indem die Nadel über einen kleinen Schlauch mit der Spritze verbunden wird und der Hirsch etwas hin- und herlaufen kann, ohne dass die Nadel aus seiner Haut herausrutscht. Für solche Tierarten entwickeln Zootierärztinnen und -ärzte im Laufe der Jahre häufig eigene Tipps und Tricks, die auch auf Tagungen geteilt werden.
Bei kleineren Tieren laufen tiermedizinische Behandlungen fast so ab wie in einer normalen Tierarztpraxis – festhalten, nötige Maßnahmen durchführen, laufen lassen. Aber auch hier ist Fachwissen gefragt. Bei Greifvögeln müssen besonders die Füße gut fixiert werden, damit niemand verletzt wird. Bei Papageien geht die größte Gefahr von ihrem Schnabel aus, beim Kranich von Krallen und Schnabel. Auch kann er sich, genau wie ein Flamingo, beim Festhalten leicht die langen Beine brechen, wenn man sie nicht vorsichtig, aber bestimmt einklappt und fixiert. Krokodile können nicht nur beißen, sondern auch mit ihrem Schwanz schlagen, während Geckos gleich ihren halben Schwanz abwerfen können um einem Griff zu entkommen. Bei Fischen finden Untersuchungen am besten in einem separaten Becken oder Wassereimer statt. Müssen sie fixiert oder gespritzt werden, hilft ein nasses Handtuch beim Festhalten der glitschigen Patienten.
So wird es definitiv nicht langweilig beim Zugriff auf tierische Patienten im Zoo – und da hat die medizinische Detektivarbeit ja noch nicht mal begonnen.
Text: Dr. Lisa Grund