11/08/2020
"Im Endeffekt ist hier jeder bereits im Wachstum, denn wir träum' von Veränderung, auch wenn wir's manchmal nachts tun." J.A.
Wo fängt Diskriminierung eigentlich an?
Wir haben so viele Konzepte im Kopf, wie etwas zu laufen hat oder wie etwas sein muss. Alles was wir nicht bewusst denken und entscheiden, entscheiden wir unbewusst.
Ich denke, dass Fremdenfeindlichkeit (damit meine ich wortwörtlich Feindlichkeit gegen alles was einem selbst fremd ist) nur eine Projektion unserer Angst oder unserer eigenen Unzufriedenheit ist. Jedoch passiert das unbewusst.
Ich hab ein Beispiel: ich hatte vor ein paar Jahren eine zufällige Begegnung mit einem Menschen der völlig rassistische Aussagen von sich gab.
Ich war gerade dabei Lebensmittel vor dem vergammeln zu retten, da kam er mit dem Fahrrad vorbeigedüst und sagte: "Das kann ja nicht sein dass Deutsche aus Mülltonnen fressen müssen und die Kanacken das Geld vom Staat hinterhergeschmissen bekommen."
Ich war erstmal sehr perplex und wusste nicht so recht wie ich reagieren soll. Mein Unterbewusstsein war wütend und wollte wütend reagieren. Mein Bewusstsein wollte diesen Menschen verstehen.
Es war eine harte Probe für mich ruhig zu bleiben. Ich fragte ihn erstmal was er mit dem Wort "Kanacken" sagen will um wieso er es benutzt.
Eigentlich habe ich auf jede seiner Aussagen nur weitere Fragen gehabt und auch gestellt. Ich wollte wissen wo der Ursprung seines Glaubenssatzes liegt.
Er hat schlechte Erfahrungen in seinem Leben gemacht, die ihn pauschal "Ausländer" in eine Schublade stecken lassen. Er wurde von einem Türken verprügelt, ein anderer hat ihm ein kaputtes Auto verkauft und wiederum ein anderer hat ihn beklaut. Und er hat ein Umfeld von Menschen, die genauso denken wie er, was widerrum seinen Glauben bestärkt.
Er hat seinen persönlichen Mangel auf mich übertragen. Mit der Aussage, dass ich "Müll fressen muss", hat er dies abgewertet und als negativ gedeutet. Ohne zu wissen, dass ich gerne Containern gehe. Und er hat direkt im Gehirn einen Schuldigen für das entstehende Mangelgefühl verknüpft - den Ausländer.
Wir haben bestimmt 2 Stunden miteinander gesprochen. Es hat sich herausgestellt dass er selbst sehr unzufrieden ist. Er hat nicht genug Geld und findet keine neue Wohnung. Er ackert viel für wenig Geld und fühlt sich ungerecht behandelt. Er würde gerne vom Staat Unterstützung bekommen. So verlagert sich sein Mangel nicht auf den Staat sondern auf diejenigen, die vom Staat unterstützt werden und "fremd" sind.
Er machte sogar Aussagen wie "...wenn die alle in unser Land kommen, dann gibt es irgendwann kein Deutschland mehr und es bleibt nichts für die Deutschen"
Ich fragte ihn, was er damit meint, was könnte denn passieren? Deutschland verschwindet schließlich nicht von der Landkarte und was bedeutet es ein Deutscher zu sein?
Er sagte er habe Angst, dass sich die Kultur verändert und der Name des Landes.
Ich fragte ihn was denn Kultur für ihn ausmacht, er sagte inhaltlich etwas wie Vielfalt und Toleranz. Ich fragte ihn, ob ihm bewusst ist, wie paradox das ist. Wenn ihm genau das heilig ist, warum er dann nicht genau das lebt? Und selbst wenn sich der Name des Landes ändern würde, wäre es immernoch der selbe Fleck auf der Karte und die selbe imaginäre Grenze.
Er regte sich auf über Flüchtlinge die herkommen und nicht arbeiten gehen und wusste nichteinmal, dass Flüchtlinge die ersten Monate nicht arbeiten dürfen und auch danach nicht frei wählen dürfen wo und was sie arbeiten. Sie brauchen eine Arbeitserlaubnis, das ist ein lange Prozess, ganz egal ob sie vorher Arzt oder Lehrer oder sonstwas waren.
Das Ende vom Lied?? Dieser Mann war dankbar für Aufklärung, er war überrascht über sich selbst, weil seine unbewusste Angst ins Nichts führte. Er war sich der Angst nichtmal bewusst, sie verlagerte sich einfach und kreierte still und leise ein Feindbild.
Er hat sich noch laut gefragt weshalb seine Freunde nie hinterfragen, wenn er eine feindliche Aussage tätigt. Er wurde entweder dafür von Freunden bestätigt oder von fremden Menschen dafür abgelehnt und verurteilt.
Er hat am Anfang des Gesprächs gesagt, dass er sich nicht als auslanderfeindlich wahrnimmt, sondern das dies ja lediglich Fakten sind, dass Ausländer sein Leben erschweren. Das wäre einfach die Wahrheit. Er hat es ja selbst erlebt.
Ich sagte ihm, dass ich generell keine rassistischen Menschen mag, dass mich das wütend macht und dass ein großer Teil im mir ihn verurteilt und verachtet. Und dass ich trotzdem mit ihm hier stehe und mich unterhalte, weil ich ihn nicht in eine Schublade stecken will.
MAN KANN NIEMANDEN PAUSCHALISIEREN.
Wir sind vielleicht einfach ängstliche Wesen, die geliebt werden und glücklich sein wollen.
Er sagte zum Schluss, dass er jedem Menschen unabhängig von Herkunft eine Chance geben will.
Wir haben uns in den Arm genommen und sind unsere Wege gegangen. Ich weiß nicht was das bewirkt hat und wie er heute darüber denkt. Ich weiß nur, dass Hass niemals mit Hass bekämpft werden kann und dass dies für mich der richtige Weg ist von Mensch zu Mensch zu kommunizieren.
Denn wenn wir Menschen pauschalisieren, weil sie andere pauschalisieren....was sagt das dann aus? Sind wir gefangen in einem Loop?