07/04/2026
Wem gehört eigentlich die Geschichte Amerikas?
Gestern Morgen habe ich die aktuelle Folge von “The Daily” gehört, dem Podcast der NY Times. Die Journalisten beschäftigten sich mit dieser Frage, die mich schon so lange beschäftigt:
Nochmal: Wem verdammt nochmal gehört die Geschichte Amerikas?
In den letzten Jahren hatte ich oft das Gefühl, dass die Gründerväter, die amerikanische Flagge oder der Begriff “Patriotismus” immer mehr von einer politischen Seite beansprucht werden. Als würde nur eine Gruppe entscheiden dürfen, was “echtes Amerika” ist.Aber warum eigentlich?
Ich bin 2016 nach San Francisco ausgewandert. Nicht, weil Amerika perfekt war. Sondern weil ich an eine Idee geglaubt habe.
An ein Land, das Menschen eine zweite Chance geben kann.
An Freiheit.
An Vielfalt.
An die Möglichkeit, sein Leben neu zu erfinden.
Als schwuler Mann habe ich hier Dinge erlebt, die mein Leben verändert haben. Ich habe Freunde gefunden, eine Familie aufgebaut und eine Heimat entdeckt, von der ich vorher nicht wusste, dass es sie für mich gibt.
Und trotzdem…
Die letzten Jahre waren für mich nicht leicht.
Ich habe oft gezweifelt. Manchmal war ich traurig darüber, was aus diesem Land geworden zu sein schien. Die politische Spaltung. Die Wut. Die Angst. Der Umgang mit Minderheiten. Ich habe mich gefragt, ob ich mich vielleicht in Amerika getäuscht habe.
Aber tief in mir war da immer noch dieser kleine Funke. Der Glaube, dass Amerika größer ist als jede Regierung.
Größer als jede Wahl.
Größer als jede Partei.
Die Gründerväter waren Menschen. Sie waren nicht perfekt. Manche hielten selbst Sklaven. Aber sie schrieben Worte auf, die größer waren als sie selbst.
“All men are created equal.”
Vielleicht war das damals noch keine Realität.
Aber es wurde zu einem Versprechen.
Und jedes Mal, wenn eine neue Gruppe für Gleichberechtigung gekämpft hat, wurde dieses Versprechen ein Stück mehr eingelöst.
Frauen.
Schwarze Amerikaner.
Einwanderer.
Die LGBTQ+-Community.
Nicht gegen Amerika.
Sondern für Amerika.
Deshalb berührt mich das Bild, das ich heute teile. Für mich schließen sich die amerikanische Flagge und die Pride-Flagge nicht aus.
Sie erzählen gemeinsam eine Geschichte.
Die eine erinnert daran, wo dieses Land begonnen hat.
Die andere daran, dass Freiheit nie fertig ist.
Ich wünsche mir so sehr, wieder mehr an das gute Amerika glauben zu können. Ehrlich gesagt glaube ich, dass dieser Prozess bei mir schon begonnen hat. Nicht, weil plötzlich alles gut ist. Sondern weil ich immer mehr Menschen begegne, die für Mitgefühl statt Angst stehen. Für Demokratie statt Ausgrenzung. Für Hoffnung statt Zynismus.
Vielleicht ist genau das der wahre amerikanische Traum.
Nicht, dass Amerika perfekt ist.
Sondern dass es sich immer wieder neu erfinden kann.
Und genau deshalb glaube ich, dass die Geschichte der Vereinigten Staaten niemandem allein gehört.
Sie gehört uns allen, die bereit sind, an ihre besten Ideale zu glauben und jeden Tag daran mitzuarbeiten.