26/09/2026
🚂 5 Die Raffinerie kommt 1966/67 nach Burghausen
Wenn Wacker der zündende industrielle Motor war, der Burghausen ab 1915 auf Wachstumskurs brachte, dann kam Mitte der 1960er-Jahre eine zweite industrielle Kraft hinzu:
Die Amerikaner brachten ein petrochemisches Werk
1962 wurde die Deutsche Marathon Petroleum GmbH gegründet. Wenige Jahre später entstand im Stastsforst, unmittelbar nördlich der Wacker-Chemie, eine Erdölraffinerie. 1966 wurde sie errichtet, 1967 nahm sie den Betrieb auf.
🛢️ Das Öl kommt durch die Alpen
Der Standort war kein Zufall.
Eine entscheidende Voraussetzung war die Transalpine Ölleitung – TAL. Sie verbindet den Hafen von Triest mit Süddeutschland und führt über Österreich bis nach Bayern. Der Bau begann im Dezember 1964; im Juni 1967 war die rund 753 Kilometer lange Pipeline fertiggestellt. Am 3. Oktober 1967 erreichte erstmals Rohöl aus Triest die bayerischen Raffinerien (Anmerkung: Über die TAL kommt eine Extra-Geschichte).
Damit erhielt Burghausen eine direkte und leistungsfähige Rohölversorgung.
Und die Lage neben Wacker war ebenfalls strategisch interessant: Raffinerie und Chemiewerk konnten sich industriell ergänzen.
🏭 Aus Öl wird Chemie
Die Raffinerie entwickelte sich nicht einfach zu einem klassischen Kraftstoffproduzenten. Der Schwerpunkt des Standortes liegt bis heute in der Petrochemie.
Aus dem Rohöl entstehen unter anderem Zwischenprodukte und petrochemische Grundstoffe wie Ethylen, Propylen und Butadien. Diese Stoffe sind wichtige Ausgangsmaterialien für zahlreiche chemische Produkte.
Damit entstand rund um Wacker und die Raffinerie ein immer dichteres industrielles Netzwerk:
Rohstoff → Raffinerie → Petrochemie → chemische Industrie → fertiges Produkt.
✈️ Kerosin für München?
Und hier wird es besonders interessant:
Ja – aus Burghausen kommt auch Kerosin für den Großraum München.
Die OMV gibt an, dass ihr Tanklager in Feldkirchen seit den frühen 1970er-Jahren die Versorgung des Großraums München mit Mineralölprodukten sicherstellt. Das Kerosin aus der Raffinerie Burghausen wird über eine direkte Pipeline zum Tanklager transportiert. Von dort wird unter anderem der Flughafen München versorgt.
🛢️ 3,8 Millionen Tonnen Rohöl
Heute verfügt der Raffineriestandort über eine Verarbeitungskapazität von rund 3,8 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr.
Diese Jahreskapazität entspricht somit ca. 27 Tankerfüllungen eines Suezmax-Schiffs. Das ist, also würden etwa zwei bis drei Riesentanker pro Monat an der Salzach anlegen 🙂
Produziert werden unter anderem Kerosin, Diesel und Heizöl. Der besondere Schwerpunkt liegt jedoch auf der Petrochemie.
1987 wechselte die Raffinerie den Besitzer: Die damalige ÖMV übernahm die Deutsche Marathon Petroleum. Heute gehört der Standort zur österreichischen OMV.
🚂🛢️ Pipeline, Bahn und Straße
Damit wird die Entwicklung Burghausens besonders deutlich.
Die Industrie brauchte nicht nur Fabriken, sondern vor allem Infrastruktur:
🚂 Die Eisenbahn brachte Menschen, Rohstoffe und fertige Produkte.
🛢️ Die Pipeline brachte Rohöl und verbindet den Standort mit den europäischen Energieströmen.
🚛 Die Straße übernahm die flexible Verteilung.
🏭 Wacker und Raffinerie bildeten gemeinsam mit zahlreichen weiteren Unternehmen ein immer dichteres industrielles Netzwerk.
Burghausen war damit endgültig nicht mehr nur eine Stadt mit einer historischen Altstadt und einer außergewöhnlichen Burg.
🏙️ Die Industrie schafft eine neue Stadt
Und jetzt wird auch die Entwicklung der Stadt selbst verständlich.
Mit Wacker kamen Arbeitsplätze. Es entstanden Arbeitersiedlungen, die Neustadt entwickelte sich. Mit der Raffinerie und weiteren Industrieunternehmen verstärkte sich dieser wirtschaftliche Aufschwung noch einmal.
Aus dem alten Burghausen mit Burg, Altstadt und Salzach entstand Schritt für Schritt eine moderne Industriestadt.
Bahn – Wacker – Raffinerie – Pipeline – Chemie – Neustadt.
Diese Entwicklung erklärt, warum Burghausen heute nicht nur für seine längste Burg der Welt bekannt ist, sondern zugleich das Zentrum eines der bedeutendsten Chemiestandorte Bayerns bildet.
Und die Geschichte ist damit noch lange nicht zu Ende.
Bildquelle: Historisches Lexikon Bayerns, OMV Deutschland GmbH, Luftaufnahme 1968, KI-koloriert