19/03/2026
Insbesondere im Ausland wird Anne Hidalgo für das neue Bild von Paris gefeiert. Der wirkliche Vater des Stadtumbaus war jedoch Betrand Delanoë, der von 2001 bis 2014 der erste Pariser Bürgermeister aus dem linken Lager war. Hidalgo war seinerzeit seine rechte Hand. Delanoë hat damit begonnen, Wohnquartiere zu begrünen und "auf Sicht", z.B. vor Schulen, den Autoverkehr zu begrenzen. Er hob 2007 auch das Velib-Leihradsystem aus der Taufe, das ein großer Erfolg wurde.
Anne Hidalgo hat dies geschickt für sich verbucht, entpuppte sich dann aber immer mehr als eine Anhängerin von "Betongrün". Gegen ein recht wahnwitziges Bauprojekt anstelle des historischen Blumenmarkts auf der Cité-Insel oder die flächenmäßige Abholzung alter Bäume nahe des Eiffelturms sind sowohl Écolos wie Konservative auf die Barrikaden gegangen. Sie hat die Hochhaussatzung aus den Angeln gehoben, um das Projekt des Tour Triangle durch alle Instanzen durchzudrücken, ein Hochhaus, das nicht nur keine Bereicherung für die Stadtsilhouette ist, sondern in Zeiten des New Work auch niemand mehr braucht. Unter ihrer Ägide wurden mit der neuen Verkehrsplanung Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer gegeneinander aufgewiegelt, das bisherige ungeschriebene Gesetz der Rücksichtnahme gegenüber Schwächeren ist überall passé. Waren Fußgänger daran gewöhnt, überall ungehindert die Straßen zu überqueren, weil sie darauf vertrauen konnten, dass die Autofahrer dafür kurz vom Gas gehen, müssen sie sich jetzt auch bei Grün an der Ampel in Acht nehmen, wenn Radfahrer ihren Weg kreuzen. Trauriger Höhepunkt des "Straßenkampfs" war ein durch einen SUV absichtlich überfahrener Radfahrer.
Die Politik von Anne Hidalgo, so scheint es, hatte weniger die Bürger im Fokus, sondern mehr den Blick in die nächste Fernsehkamera. Das hat ihr in ausländischen Gazetten zwar immer noch Lorbeeren eingebracht, als am Montmartre schon ein ganzes Quartier den Aufstand probte. Als sich ein Misserfolg bei der Wahl für eine 3. Amtszeit immer klarer abzeichnete, entschied sie sich schließlich für einen Rückzug.
Bei der ersten Runde der Municipales hat Emmanuel Gregoire von der PS mit 38% die meisten Stimmen erhalten. Ehemals rechte Hand von Hidalgo hat er 2024 das Rathaus im Unfrieden verlassen, er sieht sich nicht als Hildalgos "Erbe", fühlt sich durch sie sogar benachteiligt. Doch mit einem Kommunikationsstil, der ihn eher in die Nachfolge von Delanoë rückt, hat er in der ersten Runde seine Kontrahentin Rachida Dati deutlich deklassiert.
Die frühere Justiz- und bis vor kurzem Kultusministerin war viele Jahre als Bürgermeisterin des 7. Bezirks die Hauptkontrahentin Hidalgos. Durch diverse Korruptionsermittlungen ist sie aktuell in der Schusslinie und konnte nur 25% der Wähler überzeugen.
In der entscheidenden Second Tour, für die auch die Kanditaten der Mitte , der extremen Rechten und extremen Linken qualifiziert waren, könnte sich das Blatt jedoch wenden. Die Vertreterin der Ultrarechten, Knafo, hat sich zugunsten von Dati zurückgezogen, auch der RN hat eine Empfehlung für Dati ausgesprochen. Die Vertreterin der ultralinken LFI, Chikirou, bleibt dagegen weiter im Rennen, was Gregoire scwächen könnte.
Zum Zünglein an der Waage könnte das Verhalten der Mitte werden. Die Liste Horizons/Renaissance war mit Pierre-Yves Bournazel ins Rennen gegangen. Es heißt, dass der langjährige angesehene Stadtrat gedrängt wurde, seine Liste mit dem konservativen Lager von Dati zu fusionieren. Weil er das persönlich aufgrund der Korruptionsvorwürfe nicht unterstützen will, zieht er sich nun zurück und wird auch um seinen sicheren Sitz im Magistrat nicht weiter kandidieren.
Wenn die Wähler nicht die gleichen Bedenken haben wie Bournazel, könnte Gregoire und der PS damit rein rechnerisch nur noch ein Wunder helfen und es schaut so aus, dass sich Hidalgo dann höchstselbst vom selbstgemachten Denkmal gekickt haben wird.
Erleichtert - dass Grégoire in Anbetracht der eher unglücklichen Vorzeichen vor der 2. Runde sich so klar behauptet, hätte ich nicht gedacht. Da haben offenbar noch einige mehr die Stallorder ignoriert und sich von der Persönlichkeit leiten lassen. Chapeau, Grégoire!