19/12/2025
Anno dazumal in Mandelbachtal: Als sich Reichsgräfin Marianne von der Leyen auf ihrer abenteuerlichen Flucht in Bebelsheim verstecken musste
Die acht Dörfer der Gemeinde Mandelbachtal gehörten ehemals zur Grafschaft derer von der Leyen, die in Blieskastel residierte und ursprünglich aus der Moselregion stammten. Durch seine Heirat hatte Georg I. von der Leyen im Jahr 1456 des Herrn erstmals Rechte und Güter in und um Blieskastel erworben.
Durch die Wahl Carl II. Caspars von der Leyen-Hohengeroldeck (1652–1667) zum Kurfürsten und Erzbischof von Trier hatte die Familie im 17. Jahrhundert genügend Geldmittel und politische Macht, um nach dem 30jährigen Krieg in seinem Herrschaftsgebiet im Amt Blieskastel einen größeren zusammenhängenden Herrschaftsbereich für sich zu schaffen. Dazu gehörten nach und nach auch die acht Dörfer der heutigen Gemeinde Mandelbachtal.
Der eigentliche Aufstieg der hiesigen Residenz begann mit der Verlegung des Wohnsitzes in das Schloss von Blieskastel im Jahre 1733. Nach dem Tod des Gatten Franz Carl (†1775) übernahm Marianne als „Landesmutter" die Regentschaft. Sie holte bedeutende Künstler wie Ludwig Hautt oder Peter Reheis auf ihr Schloss. Das barocke Stadtbild von Blieskastel legt noch heute Zeugnis von dieser Zeit einer regen Bautätigkeit ab.
Auch am alten Rathaus in Ommersheim befindet sich über der Eingangstür noch das gräfliche Wappen derer von der Leyen, den das Haus war zu dieser Zeit eine gräfliche Verwaltung des Hofes, weshalb die Straße an der es liegt bis heute die Hofstraße genannt wird. Rechts neben dem Ommersheimer Amtshaus befand sich die Zehntscheune, bei die gräflichen Bauern ihre Ernte abliefern mussten.
Marianne von der Leyen galt als politische Reformatorin und war bei großen Teilen der Bevölkerung sehr beliebt. Sie förderte den Bergbau, das Hüttenwesen oder die Glasindustrie. Auch wurde unter ihrer Regentschaft das Schul- und Gesundheitswesen verbessert, 1786 hob sie auf Druck der wachsenden Unruhen im Umfeld der französischen Revolution im Nachbarland auch die Leibeigenschaft auf. Durch die aufwendige Hochzeit des Erbprinzen und dessen Bautätigkeit an der „Philippsburg", die auf Ommersheimer Gemarkung in der Nähe des Würzbacher Weihers entstanden war, häufte die kleine Grafschaft erhebliche Schulden an.
1793 musste Marianne schließlich vor den anrückenden Truppen der französischen Revolution fliehen. Als im Frühjahr des Jahres 1793 die Umstände im französischen Grenzraum dramatischer wurden, musste Gräfin Marianne von der Leyen ein von ihr zuvor gegebene Versprechen brechen und das Land und und die Untertanen ihres Sohnes im Stich lassen.
Als sie am Morgen des 14. Mais 1793 aufwachte, beschlich sie bereits das Gefühl, ein großes Unglück würde geschehen. Da wusste sie noch nicht, dass zu diesem Zeitpunkt bereits der Befehl zu ihrer Festnahme von den Volksrepräsentanten der französischen Moselarmee der Revolutionsgarde in Metz unterschrieben worden war.
Der Chef der Saargemünder Nationalgarde, Citoyen Bautay, war damit beauftragt ihre Festnahme zu vollziehen und Marianne nach Metz zu bringen. Bautay machte sich mit 39 Nationalgardisten auf den Weg nach Blieskastel. Dort angekommen ließ er zugleich das Schloss umstellen, um eine Flucht unmöglich zu machen.
Als der Kommissar das Schloss betrat, um die Gräfin festzunehmen, stieß er zu einer Gesellschaft von Uniformierten. Marianne hatte die in Blieskastel und Umgebung stationierten französischen Offiziere eingeladen und bat auch Bautay zu Tisch. Dieser antwortete Ihr aber entschlossen und mit wildem Blick: „Ich esse nichts“.
Als Marianne vom Oberstallmeister ihres Sohnes davon unterrichtet wurde, dass sie festgenommen werden sollte, erklärte sie Bautay entschieden, dass sie wenigstens einen Augenblicke brauche, um zu sich zu kommen. Daraufhin verließ Bautay den Salon und die Reichsgräfin ging in ihr Gemach. Dort verkleidete sich als Dienerin und floh vor ihrer Verhaftung zu uns in den südlichen Bliesgau.
Vom 15. bis 17. Mai fand sie Unterschlupf beim Pfarrer von Rubenheim. Danach floh sie weiter über Herbitzheim, Biesingen, Alschbach und Lautzkirchen nach Niederwürzbach. Dort erhielt sie von Johann Jakob Schaller trockene Kleider.
Schaller flüchtete mit ihr in den Ommesheimer Wald, denn im nahen Schloss Philippsburg plünderten und zerstörten bereits die Franzosen. Schaller ersuchte die bei Limbach stehenden Preußen, die sich der franzöischen Revolutionsarmee entgegenstellte, um Schutz für seine Landesherrin. Die Preußen wollten daraufhin eine Patrouille schicken, um Marianne auf ihrer Flucht in die Pfalz zu beschützen.
Doch es kam schnell ganz anders als geplant. Die Preußen wurden von den Franzosen zurückgeworfen und Marianne musste erneut auf die Wanderschaft durch das Mandelbachtal gehen und stand schon bald wieder vor dem Pfarrhaus in Rubenheim. Dort blieb sie weitere zwei Tage, bis ihr der Gärtner die Nachricht überbrachte, dass ein hohes Kopfgeld zu Ihrer Verhaftung ausgeschrieben worden sei und deshalb bereits zwei Pfarrer festgenommen worden seien, die im Verdacht standen, ihr geholfen zu haben. Es musste also schnell gehandelt werden, um den Rubenheimer Pfarrer nicht ebenfalls zu gefährden. Marianne flüchtete deshalb vom 23. auf den 24. Mai in einer Höhle in einem nahen Steinbruch bei Rubenheim.
Am 24. Mai kam Marianne von der Leyen auf ihrer Flucht ins Mandelbachtal. Ein Bebelsheimer nahm sie am Morgen mit in sein Haus und am Abend brachte man sie im Schutze der Nacht in die Mühle nach Gersheim. Dort versteckte sie sich auf einer Insel in der Blies.
Am 25. Mai meldete sich in der Mühle jener Lehrer, der sie ein paar Tage zuvor schon von Lautzkirchen durch den Wald nach Niederwürzbach geführt hatte. Er berichtete, dass er sich bis Glan-Münchweiler durchgeschlagen habe, wo sich ihr Sohn, Reichsgraf Philipp I. aufhielt, der einen Plan zur Rettung seiner gräflichen Mutter entworfen hatte. Der Lehrer verkleidete sich als Schuster und die Gräfin wurde als seine Mutter ausgegeben. Mit falschen Pässen ausgestattet brachen sie auf und und kamen gemeinsam unbeschadet in Glan-Münchweiler an.
Die dortige Wiedersehensfreude war groß und Marianne vergaß schnell ihr Leid und die Strapazen ihrer elftägigen Flucht. Die Frau von Philipp und ihr gemeinsames Kind, seine Schwestern Charlotte Maria Anna Sofia und Maria Sofia Antonetta Charlotta Klara Elisabetha Thekla befanden sich zu diesem Zeitpunkt schon jenseits des Rheins in Sicherheit. Marianne wurde, wie schon zuvor ihr kranker Sohn, im protestantischen Pfarrhaus aufgenommen, wo sie von Pfarrer Andreas Kohlermann umsorgt wurde. Sie blieb dort bis zum 10. Juni.
Als der junge Reichsgraf Philipp I wieder gesund war, schenkte er dem Pfarrer in Glan-Münchweiler aus Dankbarkeit ein Fuder Wein, was etwa 1000 Litern entsprach, für die gute Bewirtung und Pflege. Schon zwei Tage nachdem Marianne und ihr Sohn Philipp abgereist waren, erschienen 500 französische Reiter in dem Dorf um die Gräfin „abzuholen“, konnten ihr aber nicht mehr habhaft werden. Bei der Suche nach der verschwundenen Gräfin fanden sie im Keller des Pfarrhauses den geschenkten Wein und hielten sich schadlos, in dem sie ihn bis zum letzten Tropfen tranken.
Marianne von der Leyen kam übrigens erst nach ihrem Tod wieder in unsere Region zurück. Sie starb 1804 in Frankfurt am Main und wurde danach in der Kirche St. Cäcilia in Heusenstamm beerdigt. 1881 erfolgte die Überführung der sterblichen Überreste in die Krypta der Schlosskirche von Blieskastel, wo sie neben der Grablege ihres Gatten beigesetzt wurde.
Text: Manfred Pfeiffer.
Das Bild zeigt Marianne von der Leyen.