17/08/2026
Anno dazumal in Mandelbachtal: Wie die Naturbühne in Gräfinthal entstanden ist
Zwischen sanften Hügeln und hohen Bäumen tut sich im Letschenbachtal eine Lichtung auf mit malerischen leinen Häuschen, Gartenmauern und Wegen. Darin erscheinen viele bunte Gestalten und verwandeln die Kulisse in eine lebendige, lustige, fantastische Welt. Das ist der Zauber unserer Naturbühne in Gräfinthal.
Wohl fast jeder Saarländer war schon mindestens einmal hier, für viele ist sie der Inbegriff für einen sommerlichen Ausflug ins Reich von Märchen und Geschichten, für unbeschwerte Stunden unter freiem Himmel. Und viele können von sich sagen, dass auch schon ihre Großeltern oder sogar ihre Urgroßeltern hier zu Besuch waren, denn die Bühne gibt es schon seit 1932.
Heute gehört sie zu den modernsten und schönsten Naturbühnen in ganz Deutschland. Grund genug für uns im Rahmen unserer Reihe "Anno dazumal in Mandelbachtal" mal einen Blick in die Geschichte dieses einheimischen Kulturschatzes zu werfen.
Alles begann damit, dass der Männergesangverein Harmonie Bliesmengen-Bolchen am 7. Februar 1932 den Entschluss fasste, in der Ochsenklamm, unweit der Wallfahrtskapelle Gräfinthal eine Naturbühne zu bauen. In nur drei Monaten Bauzeit wurde in über zehntausenden Arbeitsstunden der Rohbau fertiggestellt. Die vielen freiwilligen Helfer aus Bliesmengen-Bolchen hatten dabei das Glück, von einer Gruppe Erwerbsloser unterstützt zu werden, die damals von der Gemeinde Bliesmengen-Bolchen in Pflichtarbeit beschäftigt wurden.
Schon am 26. Juni 1932 fand vor ausverkauftem Haus die Premiere des Schauspiels „Elmar“ statt. Das Stück basierte auf der Bühnenfassung des Epos „Dreizehnlinden“ des westfälischen Heimatdichters Friedrich Wilhelm Weber aus dem Jahr 1878. Im Mittelpunkt stand der Titelheld Elmar, ein germanischer Prinz zur Zeit der Sachsenkriege. Er sträubt sich zunächst gegen den neuen Glauben, findet aber schließlich im christlichen Kloster „Dreizehnlinden“ seinen Seelenheil. Es thematisiert den historischen und religiösen Konflikt bei der Einführung des Christentums in Sachsen. Das kam gut an bei den strenggläubigen katholischen Menschen im Bliesgau.
Und auch die Lage der neugebauten Bühne wurde gelobt: „Wenn eine Naturbühne in reizvoller Gegend liegt; Wald, Buschwerk, Berg und Tal vereint; wenn Berge dann noch einen regelrechten Schalltrichter bilden, sind alle optischen und akustischen Voraussetzungen für eine Freilichtbühne gegeben“ schrieb damals begeistert die Saarbrücker Zeitung.
In den beiden darauffolgenden Jahren lockten die von der Dorfbevölkerung aufgeführten Stücke des Dichters Friedrich Schiller „Jungfrau von Orleans“ und „Wilhelm Tell“ die Besucher massenhaft in die Menger-Bolcher Ochsenklamm.
Nachdem das Saargebietes 1935 in das Deutsche Reich eingegliedert worden war, wurde auch die Naturbühne Gräfinthal von den Nationalsozialisten gleichgeschaltet und Teil der "NS-Kulturgemeinde". Dies kam aber gar nicht gut an bei den Bliesmenger-Bolcher, die lieber weiter als Laienspieler auf ihrer Naturbühne tätig gewesen wären. So war es kein Wunder, dass der Besuch in den Vorkriegsjahren stark rückläufig war.
Erst 1938 wurde von den neuen Machthabern auf die Initiativen der Dorfbevölkerung reagiert und einer neugegründeten Arbeitsgemeinschaft erlaubt, die Naturbühne noch zwei Jahre lang zu bespielen. Als sich das Blatt im Zweiten Weltkrieg zu Ungunsten der Nationalsozialisten wendete, mussten die Vorstellungen aber eingestellt werden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg boten Bliesmengen-Bolchen und Gräfinthal ein Bild der Zerstörung und Verwüstung, da es ab Dezember 1944 zu einem Hauptkampfgebiet geworden war. Doch schon bald nach dem Aufbau der Häuser wuchs bei den Bürgerinnen und Bürgern von Bliesmengen-Bolchen auch wieder der Wille nach einem Neuanfang auf der Naturbühne.
So wurde schließlich am 15. Dezember 1947 der Kulturverein Bliesmengen-Bolchen gegründet, der sofort unter großem Engagement vieler ehrenamtlicher Helfer den Wiederaufbau der zerstörten Bühnenanlage anging. Schon 1949 konnte, erneut mit dem Stück „Elmar“, die erste Nachkriegsaufführung stattfinden.
1950 setzte man dann mit der Aufführung von Passionsspielen ganz neue Akzente. Bis 1957 wurden diese mehrmals aufgeführt, aber auch populäre Stücke wie „Ben Hur“, „Quo Vadis“ oder die „Jungfrau von Orléans“.
1958 gab es dann allerdings einen kleinen Bruch, als der Spielbetrieb in Gräfinthal vorübergehend zum Erliegen kam. Doch schon 1965 begann man damit, die inzwischen verwilderte Anlage wieder Instand zu setzen. Danach erlebte die Bühne eine grandiose und bis heute andauernde Renaissance, auch dank des gewaltigen Engagements des ganzen Dorfes.
Mit Ausnahme von 2020, in dem wegen Corona alle Aufführungen abgesagt werden mussten, wird seit 1965 auf der Naturbühne ununterbrochen Theater gespielt. Und jedes Jahr ist dabei fast die ganze Dorfgemeinschaft von Bliesmengen-Bolchen den ganzen Sommer über ehrenamtlich im Einsatz, sei es als Schauspieler, Statist, Helfer an den Verkaufsständen und Eintrittskassen oder hinter den Kulissen in der Maske oder im Kostümfundus. Die Mitglieder des Ortsverbandes des Deutschen Roten Kreuzes helfen bei kleinen und großen Beschwerden und freiwillige Helfer weisen den Besuchern Parkplätze zu.
Bis Mitte der 1980er Jahre wurden vorwiegend Klassiker wie „Schinderhannes“ oder „Das Wirtshaus im Spessart“ aufgeführt. Im Jahr 1986 aber gab es dann aber einen entscheidenden Weichenwechsel: Mit „Max und Moritz“ wurde der Auftakt zum bis heute erfolgreichen Kinder- und Märchentheater gemacht. Seither wird jedes Jahr ein Stück speziell für die kleinen Zuschauer und ihre Familien inszeniert. Mit Aufführungen wie „Michel aus Lönneberga“, "Biene Maja“, „Aschenputtel“, „Aladin“, "Das kleine Gespenst", "Popeye", "Pettersson und Findus", "Der gestiefelte Kater", "Heidi" oder ganz aktuell "Pinocchio" wurden in den vergangenen sechs Jahrzehnten große Erfolge gefeiert.
Hinzu kommt seit 2018 jedes Jahr ein Schwank, der sich als Abendvorstellung an ein älteres Publikum richtet. Hier waren Stücke wie "Maria, ihm schmeckt's nicht", "Kohlhiesels Töchter", "Pension Schöller", "Das Wirtshaus im Spessart" oder "Don Camillo und Peppone" zu sehen, die als besondere Komponente nicht selten in Mundart und mit Gesang aufgeführt werden.
Wo so lange Theater gespielt wird, da wachsen über die Jahre selbstverständlich auch viele Talente heran. So gaben etwa die beiden Schauspielerinnen Bianca Hein und Nina Azizi (beide aus deutschen Serien wie "Unter uns" und Fernsehfilmen bekannt) ihr Debüt ehemals auf der Naturbühne Gräfinthal bevor es sie in die Welt zog. Auch die Moderatorin Carmen Bachmann (SR) stand Anfang der 1990er in Gräfinthal auf der Bühne.
Träger der Naturbühne ist bis heute der Kulturverein Bliesmengen-Bolchen, von dessen 300 Mitglieder etwa ein Drittel aktiv tätig sind. Alle Arbeiten rund um die Naturbühne Gräfinthal werden in eigener Regie und vollständig ehrenamtlich durchführt. Dies umfasst sowohl die Pflege der gesamten Anlage sowie die Gestaltung von Bühnenbild, Requisiten und Kostümen, als auch das Einstudieren und Aufführen von Theaterstücken. Auch die Planung, Verwaltung und der Zuschauerservice gehören zu den zahlreichen Aufgaben des Vereins.
Wichtig in der Vereinsarbeit ist auch die Einbindung der Jugend, die neben den Tätigkeiten rund um die Spielsaison auch in eigenen Gruppen organisiert ist und selbst auch eigene Bühnenstücke in den Wintermonaten aufführt. Da diese nicht draußen auf der Bühne sondern drinnen im Proberaum gezeigt werden, hat man diese Theaterstücke saarländisch "Innewändsich" genannt.
Da sich viele junge Menschen in den Jugendgruppen engagieren und einbringen muss einem um die Zukunft der Naturbühne Gräfinthal derzeit nicht bange sein und wir können uns hoffentlich noch lange Jahre auf viele tolle und lustige Theaterstücke in Mandelbachtal freuen...
Text: Manfred Pfeiffer