02/06/2025
Einer der spektakulärsten Leuchttürme an der französischen Atlantikküste heißt La Jument. Etwa zwei Kilometer vor der Insel Ouessant ragt er aus dem tobenden Meer – erbaut zwischen 1904 und 1911, um eine tückische Felsformation zu markieren, auf der zuvor viele Schiffe zerschellt waren.
Berühmt wurde La Jument jedoch durch ein Ereignis am 21. Dezember 1989, das in einer weltbekannten Fotografie festgehalten wurde. An diesem stürmischen Tag flog der französische Fotograf Jean Guichard mit einem Hubschrauber über den Leuchtturm – auf der Suche nach dem perfekten Bild, das die Gewalt des Atlantiks und die Einsamkeit des Turms einfangen sollte.
Im Inneren des Turms befand sich der Leuchtturmwärter Théophile Malgorn, ein Mann in seinen Dreißigern. Als er den Hubschrauber mehrfach über sich kreisen hörte, vermutete er, dass etwas nicht stimmte – vielleicht ein Unfall oder ein Notruf? Aus reiner Intuition öffnete er die Tür, um nachzusehen.
Was dann geschah, dauerte nur Sekunden – aber sie gingen in die Geschichte ein. Guichard sah den Mann in der Türöffnung und drückte instinktiv den Auslöser. Genau in diesem Moment näherte sich eine gigantische Welle, bereit, den Turm zu verschlingen. Der Kontrast war atemberaubend: Mensch gegen Naturgewalt.
Malgorn erkannte im letzten Augenblick seine gefährliche Lage – und schlug die Tür im allerletzten Moment zu, gerade bevor die Welle mit voller Wucht auf den Turm prallte. Nur ein Wimpernschlag trennte ihn vom Tod.
Guichards Kamera schaffte es, neun Bilder in Serie aufzunehmen – ein ikonischer Moment, der ihn weltberühmt machte und ihm 1990 den zweiten Platz beim World Press Photo Award einbrachte. (Der erste Platz ging an das berühmte Bild des Mannes, der sich in Peking allein einer Reihe von Panzern entgegenstellte.)
Théophile Malgorn überlebte wie durch ein Wunder – und lebt bis heute zurückgezogen auf der rauen Insel Ouessant, in Sichtweite jenes Leuchtturms, in dem er einst dem Tod nur um Haaresbreite entkam.