09/05/2026
Gräfenthal war eine der bedeutendsten Porzellanstädte Thüringens. In den besten Jahren waren mehr als 1000 Menschen in sechs Fabriken beschäftigt. Heute lebt die Tradition im Stadtteil Lippelsdorf fort – und im weit entfernten Reichenbach.
Eine Sonderausstellung im Museum auf Schloss Wespenstein widmet sich dieser besonderen Geschichte und zeigt zahlreiche Exponate. Eröffnet wird die Schau mit der öffentlichen Vernissage an diesem Sonntag um 15 Uhr.
Den Auftakt erlebten mehr als 50 Gäste – darunter zahlreiche Porzelliner – im Knappensaal des Schlosses bereits am Freitag: Henry Bechtoldt, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins „Die Pappenheimer“ Gräfenthal, referierte zur Porzellangeschichte der Stadt.
Die begann eigentlich bereits im Jahr 1846 mit der Gründung der Porzellanfabrik Göbel am Schlossberg; doch nach nur wenigen Jahren endete die Produktion vor Ort. Erst die Herren Unger, Schneider und Hutschenreuther brachten im Jahr 1861* mit der Gründung ihrer Fabrik – später bekannt als „Carl Schneiders Erben“ – die Porzellanproduktion zurück nach Gräfenthal. Ihnen folgten „Wagner & Apel“ (1877, Ortsteil Lippelsdorf), „Weiß, Kühnert & Co.“ (1891), „AH Pröschold“ (1897), „Heinz & Co.“ (1897, Ortsteil Meernach) und schließlich „Carl Scheidig“ (1906; 1925 Übernahme der Porzellanfabrik Reichmannsdorf). **
Alle Werke fertigten überwiegend figürliches Porzellan: Darstellungen von Kindern, Handwerkern und Tieren, preußische oder französische Soldaten, Rauchverzehrer – die Liste ist schier endlos. Hinzu kam Luxusporzellan wie Vasen, Tafelaufsätze oder Leuchter. Seltener entstand auch Gebrauchsporzellan.
Die Gräfenthaler Figuren verliehen der Stadt Weltruf. Exporte gingen in beinahe jeden Winkel der Erde, insbesondere in die Vereinigten Staaten von Amerika. Goldmedaillen, die etwa „Carl Schneiders Erben“ auf den Weltaustellungen um die Jahrhundertwende für ihr „Fancy Porcelain“ verliehen wurden, unterstreichen die besondere Qualität der Produkte und der handwerklichen Produktion.
Schon im Frühjahr 1934 stellte Pröschold den Produktion ein. Die verbliebenen Betriebe wurden in der DDR zuerst verstaatlicht, dann zusammengelegt und schließlich in die „Vereinigten Zierporzellanwerke Lichte“ im „Kombinat für Feinkeramik Kahla“ eingegliedert. Die Lippelsdorfer Krone mit der Jahreszahl 1877 wurde zur gemeinsamen Marke der Gräfenthaler Werke.
Wenige Jahre nach der Wende endete die Porzellanproduktion bei „Weiß Kühnert“ und „Heinz“ bald. Erfolgreich verlief hingegen die Reprivatisierung in Lippelsdorf, wo bei "Wagner & Apel" bis heute feines Manufakturporzellan gefertigt wird.
Und im fernen Thüringer Holzland existiert sogar eine besondere Marke fort: Schon 1998 wurden die beiden Betriebsteile von „Carl Scheidig“ Teil der heutigen Porzellanmanufaktur Reichenbach; 2004 endete die Produktion im Ort, 2013 dann auch die in Reichmannsdorf. Eine exklusive Auswahl alter Formen, etwa die bekannten Sportfiguren, entstehen bis heute noch in Reichenbach am Hermsdorfer Kreuz – natürlich mit dem weltberühmten „S“ über dem Namenszug „Gräfenthal“.
Das und mehr erfahren die Besucher der Sonderausstellung im Schloss. Zur Vernissage ist außerdem die Gräfenthaler Porzellanmalerin Bettina Thieme vor Ort. Wer mag, hat an ihrem Stand die Chance, sich selbst als Malerin oder Maler versuchen.
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Öffnungszeiten Sonderausstellung, Schloss Wespenstein:
jeweils Samstag und Sonntag, ab 15 Uhr // Kontaktmöglichkeit: 0176 96532338
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* Das Unternehmen gab seinerzeit 1859 als Gründungsjahr an
** mehrere Unternehmen hatten wechselnde Bezeichnungen, genannt ist immer die bekannteste.
(Bild: Repro von Notgeldschein)