29/05/2026
Mitten in der historischen Altstadt von Spremberg, verborgen zwischen alten Häuserfassaden und den verwinkelten Gassen der Langen Straße, befindet sich ein Ort, an dem Geschichte, Humor und Heimatgefühl auf besondere Weise zusammentreffen: der Bullwinkelbrunnen. Wer heute an dem Brunnen vorbeikommt, ahnt oft zunächst nicht, dass sich hinter dem ungewöhnlichen Namen eine kleine, lebendige Stadtgeschichte verbirgt.
Ursprünglich trug der Platz den eher stillen Namen „Stiller Winkel“. Doch im frühen 19. Jahrhundert änderte sich das Bild des Ortes grundlegend. Um etwa 1830 wurde dort regelmäßig der sogenannte Stadtbulle untergebracht oder angebunden — ein kräftiges Tier, das für die Viehzucht der Umgebung von großer Bedeutung war. Die Einwohner begannen bald, den Platz augenzwinkernd „Bullwinkel“ zu nennen. Der volkstümliche Name blieb erhalten und entwickelte sich mit der Zeit zu einem festen Bestandteil der Spremberger Stadtgeschichte.
Der heutige Bullwinkelbrunnen wurde erst viele Jahrzehnte später geschaffen und am 19. August 1995 feierlich eingeweiht. Entworfen wurde er von der Volkskünstlerin Irmgard Kuhlee, während die kunstvollen Metallarbeiten vom Schmiedemeister Herwert Lohr gefertigt wurden. Besonders auffällig sind die drei markanten Bullenköpfe aus Metall, die dem Brunnen seinen unverwechselbaren Charakter verleihen. Die Gestaltung wirkt bodenständig und zugleich verspielt — ganz so, als wolle der Brunnen selbst ein Stück der alten Stadtgeschichten erzählen.
Doch der Bullwinkelbrunnen ist weit mehr als nur ein dekoratives Kunstwerk. Vor allem zum traditionellen Heimatfest wird er zum lebendigen Treffpunkt. Dann geschieht etwas, das Besucher immer wieder überrascht und zum Schmunzeln bringt: Aus den Nüstern eines der Bullenköpfe kann tatsächlich Bier gezapft werden. Diese originelle Idee verbindet Heimattradition mit fröhlicher Geselligkeit und macht den Brunnen zu einem besonderen Symbol der Stadt.
Gerade deshalb ist der Bullwinkelbrunnen für viele Menschen in Spremberg mehr als nur ein Brunnen. Er erinnert an die frühere Bedeutung von Viehzucht und Handwerk, an die kleinen Geschichten des Alltags und an den typisch warmherzigen Humor der Lausitz. Zwischen moderner Stadt und historischer Vergangenheit bewahrt der Bullwinkel bis heute seinen ganz eigenen Charme — ruhig, geschichtsträchtig und gleichzeitig voller Leben.
Foto: Laila Wentworth