15/08/2025
Es war eine jener Nächte, in denen Regen und Dunkelheit wie Komplizen wirkten. Schorsch dachte in seiner Hütte an den Friedersberg bei Spardorf, wo saftige Herzkirschen nur darauf warteten, gepflückt zu werden.
"Die Wächter werden in ihren Häuschen bleiben. Heute Nacht gehören die Kirschen mir", sagte er sich.
Gesagt - getan. Schon bald plünderte er gierig die unteren Äste der Kirschbäume.
Plötzlich erstarrte Schorsch. Auf dem obersten Ast eines Baumes hockte eine unheimliche Gestalt. Es war ein kleines Männlein, dessen Augen wie glühende Kohlen brannten. Aus seinen Fingern und Zehen züngelten kleine Flammen.
"Schorsch, lass sie hängen, du kannst sie nicht tragen!", warnte das feurige Wesen.
Doch der Dieb ignorierte die Warnung. "Was weißt du schon?", spottete er und füllte seinen Korb bis zum Rand mit den prallen, schwarzen Früchten.
Mit der Beute auf dem Rücken machte sich Schorsch auf den Heimweg. Doch mit jedem Schritt wurde der Korb schwerer, als ob eine unsichtbare Kraft daran zerrte.
Als Schorsch sich umdrehte, sah er entsetzt das feurige Männlein auf seinen gestohlenen Kirschen sitzen, die lodernden Augen direkt auf ihn gerichtet.
Panik erfasste den Dieb. Er rannte, stolperte über Wiesen und Äcker, fiel hin und rappelte sich wieder auf. Das Gewicht auf seinem Rücken wurde unerträglich.
Schließlich brach Schorsch zusammen. Mit letzter Kraft stellte er den Korb ab und floh in die Nacht.
Von diesem Tag an wagte Schorsch es nie wieder, Kirschen zu stehlen. Das Gerücht vom feurigen Männlein verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und die Bauern konnten ihre Obstgärten fortan unbewacht lassen - die Angst vor dem übernatürlichen Wächter hielt potenzielle Diebe fern.
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📷 Markus Müller