01/05/2022
„Ich muss gestehen, dass ich jeden Tag, wenn ich mit meinem Hund hier vorbeikomme, stehenbleibe und mich über Ihre Tür freue. Ich gucke nicht hinein, keine Angst, ich gucke wirklich nur die Tür an, aber so eine wunderschöne, alte Tür sieht man nicht mehr so oft.“
Die alte Dame ist eine sehr kleine, sehr runzlige Person, die hier im Dorf wohnt und jeden Tag mit ihrem Hund an meinem Haus vorbeigeht, den Oberkörper leicht vorgebeugt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Ich hatte an diesem Morgen den Grünstreifen vor dem Haus beackert, als sie mich ansprach und ihr kleines Geheimnis mit mir teilte. Dabei huschte ein jugendlicher Schalk über ihr Gesicht und sie verbarg ihr Lächeln schnell unter ihrer kleinen Hand, als erschiene ihr diese Neugier schamlos und fast unanständig.
Ich bekräftige, dass das doch wundervoll sei und ich ihre Liebe für alte Türen und Dinge bedingungslos teilen würde. Und dass so ein altes Haus leider immer schmerzvolle Entscheidungen zwischen Komfort und Nostalgie erfordere. Wir lachen, wünschen uns einen schönen Tag und ich blicke ihr nach, wie sie über den geteerten Weg davonzieht.
Was ich ihr nicht gesagt habe, ist, dass ich einmal auf der anderen Seite der Tür hinter dem blauen Vorhang im Schlafzimmer gestanden und sie gesehen habe, wie sie minutenlang vor meiner Tür verweilte und dabei so lieblich lächelte, als grabe sie tief in schönen Erinnerungen. Wie sie dann weiterging, um nach ein paar Schritten innezuhalten und sich doch noch einmal umzudrehen. Ich habe es ihr nicht gesagt, weil sie so kostbar sind, diese Momente der Neugier, wenn wir uns unbeobachtet wähnen und in unseren Erinnerungen rühren – beinahe schamlos und fast unanständig.